Viele Kinder gehen phasenweise wählerisch mit Essen um. Manche mögen keine grünen Lebensmittel, andere lehnen neue Gerichte zunächst ab. Doch was passiert, wenn das Essverhalten immer eingeschränkter wird, Mahlzeiten zum täglichen Stress werden oder bestimmte Lebensmittel kategorisch vermieden werden?
Dann kann mehr dahinterstecken als übliches “Picky-Eating“.
Eine mögliche Ursache ist ARFID: eine noch wenig bekannte Essstörung, früher klassifiziert als Fütterstörung, die viele Eltern zunächst gar nicht einordnen können.
Was ist ARFID?
ARFID steht für:
Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder
Auf Deutsch spricht man häufig von:
- vermeidend-restriktiver Essstörung
- selektivem Essverhalten
- stark eingeschränktem Essverhalten
Im Gegensatz zu klassischen Essstörungen wie Magersucht (Anorexie) geht es bei ARFID nicht um absichtlichen Gewichtsverlust oder Schwierigkeiten mit dem eigenen Körperbild. Stattdessen vermeiden Betroffene bestimmte Lebensmittel aufgrund von z.B.:
- sensorischen Empfindlichkeiten wie Geruch, Geschmack oder Konsistenz von Lebensmitteln
- Angst vor Würgen, Erbrechen oder Verschlucken
- fehlendem Hungergefühl
- negativen Erfahrungen mit Essen
ARFID muss psychotherapeutisch behandelt werden, da sie sonst bis ins Erwachsenenalter bestehen kann.
Typische Symptome von ARFID
ARFID kann sich sehr unterschiedlich zeigen. Häufige Anzeichen sind:
Stark eingeschränkte Lebensmittelauswahl
Das Kind akzeptiert nur sehr wenige verschiedene Lebensmittel und lehnt das Probieren neuer Lebensmittel kategorisch ab. Oft ähneln sich die tolerierten Lebensmittel in Farbe und/oder Konsistenz. Manchmal werden ganze Kategorien vermieden, häufig Obst und Gemüse, da hier die Eigenschaften unvorhersehbarer sind (Reifegrad, Farben etc.).
Probleme mit Konsistenzen, Gerüchen, Geschmack
Bestimmte Lebensmittel lösen Ekel, Würgereiz oder starke Ablehnung aus. Dabei spielen Konsistenzen (Mundgefühl), Gerüche und Geschmack eine große Rolle. Das ist aber sehr individuell und variiert je nach ARFID-Profil deutlich: manche Kinder akzeptieren z.B. nur trockene oder krümelige Lebensmittel, andere mögen nur weiche und glatte Lebensmittel. Wieder andere essen nur Sachen ohne starken Geruch.
Angst vor körperlichen Reaktionen
Manche Kinder zeigen auch Angst vor Verschlucken, Erbrechen oder Würgen. Dem liegen manchmal auch negative Erlebnisse mit Essen zugrunde. Wenn Kinder sich z.B. an einem bestimmten Lebensmittel stark verschluckt haben, haben sie Angst, dass es wieder passieren könnte und vermeiden dann das Essen.
Sehr langsames Essen oder geringe Mengen
Einige Kinder wirken „einfach nie hungrig“. Sie zeigen generell wenig Interesse am Essen und haben kaum Appetit. Manche essen dann eher mehrmals kleine Snack-Portionen pro Tag und manche trinken sogar gegen das Hungergefühl auf.
Stress rund um Mahlzeiten
Mahlzeiten werden emotional belastend für Kinder und Eltern. Oftmals berichten Eltern von täglichen Kämpfen am Esstisch, bei denen sie ihre Kinder motivieren wollen, neue Lebensmittel zu probieren und die Kinder dies kategorisch ablehnen. Eltern haben dann viele Fragen, wie sie damit umgehen sollen und wünschen sich konkrete Anleitungen für diese herausfordernden Situationen. Teilweise kommt es auch zu schwierigen Essenssituationen in Kindergarten, Schule oder Hort.
Soziale Einschränkungen
Geburtstage, Restaurantbesuche oder Schulausflüge können schwierig werden, da das Kind kaum etwas oder sogar gar nichts essen kann. Bei längeren Veranstaltungen muss das Kind ggf. sein eigenes Essen mitbringen, was nicht immer einfach ist und zu Fragen und Kommentaren von anderen Kindern und Erwachsenen führen kann. Auch Familienfeiern führen oft zu Spannungen, wenn das Kind das angebotene Essen ablehnt. Manche Kinder fühlen sich dann ausgeschlossen und unzulänglich.
Laut der World Health Organisation (WHO) kann ARFID außerdem mit Gewichtsverlust bzw. Nährstoffmangel verbunden sein.
ARFID oder normales „Picky-Eating“?
Viele Kinder sind zeitweise wählerisch beim Essen. Das allein bedeutet noch keine Essstörung.
Wichtige Unterschiede können sein:
| Phasentypisches Picky-Eating | Mögliches ARFID |
| verändert sich über die Zeit wieder | Geht nicht von alleine wieder vorbei |
| leichte Vorlieben/Abneigungen | starke Vermeidung |
| Alltag meist nicht stark beeinträcht | hoher familiärer Stress |
| ausreichende Ernährung möglich | Risiko für Mangelernährung |
| Neugier auf Neues manchmal vorhanden | starke Angst oder Abwehr |
Wichtig: Nicht jedes selektive Essverhalten bedeutet automatisch ARFID. Um zu beurteilen, ob eine ARFID-Diagnose tatsächlich vorliegt, muss eine Diagnostik gemacht werden. Diese führen Kinder- und Jugendpsychotherapeut*innen oder Kinderärzt*Innen durch.
Häufige Ursachen und Zusammenhänge
ARFID kann verschiedene Hintergründe haben. Häufig beobachtet werden:
- Wahrnehmungsbesonderheiten
- Angststörungen
- Neuromentale Entwicklungsstörungen (z. B. Autismus oder ADHS)
Zusätzlich werden noch genetische Besonderheiten und andere mögliche Einflussfaktoren erforscht wie z.B. Einfluss der Darmflora
Wann sollten Eltern Unterstützung suchen?
Viele Eltern warten zu lange ab, bevor sie sich professionelle Hilfe holen. Wenn ein oder mehrere der folgenden Punkte vorliegen, sollten Eltern sich zeitnah an ihren Kinderarzt/Kinderärztin wenden:
- Wenn das Kind nur noch sehr wenige Lebensmittel akzeptiert
- Wenn Wachstum oder Gewicht auffällig sind
- Wenn starke Konflikte rund ums Essen entstehen
- Wenn soziale Situationen vermieden werden oder belastend sind
- Wenn das Essverhalten den Familienalltag stark belastet
Was Eltern wissen sollten
Viele Familien fühlen sich mit dem Thema zunächst allein oder missverstanden und sehen sich Vorwürfen gegenüber – manchmal sogar aus dem engsten Umfeld. Da ARFID eine relativ junge Diagnose ist, sind manchmal sogar Fachkräfte noch nicht ausreichend geschult.
Doch:
ARFID ist kein “Elternversagen“ und auch kein „einfaches Trotzverhalten“.
Frühes Verständnis, passende Unterstützung und ein sensibler Umgang können helfen, Druck aus dem Alltag zu nehmen und ein vielfältigeres und gesünderes Essverhalten beim Kind zu erreichen.
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